Fremdheit untereinander
„Die Deutschstunde - ein Schuldrama“, Regie, Buch
und Kamera: Theo Teucher (3sat, 9.9.07, 21.15-
22.45 Uhr)
epd Ob es die Schüler von den Stühlen zieht, wenn
die Lehrerin sie auffordert, sich zur „inneren Pluralität“
Fausts zu äußern? Klingt zunächst ein wenig
nach Unterricht von oben herab. Doch allmählich wird
sichtbar, was es mit dieser Lehrerin und den Schülern
auf sich hat. Ugur, dem Sachbücher sichtlich mehr
bedeuten als Gedichte und Dramen, bescheinigt seiner
Deutschlehrerin Inge Sewig, dass sie „leidenschaftlich“
bei der Sache sei, man müsse das bewundern.
Später wird ihm das freilich nichts nützen. Eine Fünf
minus steht unter seiner Interpretation von zwei
Gedichten Heines. Mit der Heine'schen Ironie hat
Ugur einfach nichts anfangen können, hat sie gar
nicht wahrgenommen.
„Die Deutschstunde - ein Schuldrama“ von Theo Teucher
gibt mit solchen Szenen einen tiefen Einblick in einen
Schulalltag, den man normalerweise von seinen Kinder
selbst nicht bekommt, wenn sie ihre Auskünfte auf „gut“
oder „geht so“ beschränken. Drei Jahre lang hat der
Dokumentarist in dieser Schule gedreht, und offenbar ist
die Anwesenheit der Kamera so selbstverständlich geworden,
dass die Bilder und Szenen unverstellt wirken
und authentisch. Selten sieht man Dokumentaristen so
nahe an Schulalltag herankommen.
In der Robert-Koch-Oberschule in Berlin-Kreuzberg
kommen 91 Prozent der Schüler aus Migrantenfamilien,
und das stellt gerade an den Deutschunterricht
besondere Anforderungen. Die Schüler sind intelligent
und talentiert, aber es fehlt ihnen an sprachlichem
und kulturellem Hintergrund. Eigentlich müssten die
Klassen kleiner sein und gezielte Sprachförderung
betrieben werden, auch in den Klassen kurz vor dem
Abitur. Die Lehrer wissen, dass sie das nicht bekommen,
und mühen sich ab mit den Verhältnissen, wie
sie sind. Deutschlehrer Rolf-Peter Müller hat seine
Schüler in der Siebten eine Arbeit schreiben lassen -
mit gleichem Text wie schon einmal 1986. Damals
war das Ergebnis nicht besonders gut, diesmal ist es
katastrophal. Die Kamera zeigt es und man ist verblüfft,
auf wie viele Weisen man „Vorstellung“ falsch
schreiben kann.
Auch politische Diskussionen und Konflikte spielen in
den Unterricht. Viele Mädchen tragen Kopftuch. Fatima,
deren Eltern aus einem palästinensischen Flüchtlingslager
kamen, trägt kein Kopftuch, verteidigt aber
gegen jede Idee der literarischen Aufklärung den
Koran als unanzweifelbares Buch. Sie zeigt auch Verständnis
für Selbstmordattentäter der Hamas. Auch
andere Schüler tun das. Lessings „Nathan“ mit der
berühmten Ringparabel lesen sie an dieser Schule
natürlich immer - aber die Idee der Toleranz findet
kaum noch Anklang. Es ist „wie absurdes Theater“,
äußert sich Rolf-Peter Müller, „wir reden, grob gesagt,
aneinander vorbei.“
„Die Deutschstunde“ ist in solchen Szenen durchaus
mehr als das bloße Abbild einiger Deutschstunden. Es
ist ein Film über kulturelle Differenzen, über die Mühen
der Integration und ihr mögliches Scheitern, und
er will nichts schönreden. Auch Inge Sewig ist mehr
als eine ambitionierte Deutschlehrerin. Wenn sie
abends die Arbeiten korrigiert, scheint sie fast etwas
fasziniert davon, was man alles falsch schreiben oder
falsch verstehen kann.
Sie wird auch im Unterricht manchmal scharf („wer
bei diesem Gedicht nicht merkt, dass das Ironie ist,
dem fehlt ein Rädchen“). Und doch hält sie unbeirrt
und idealistisch daran fest, dass gute Literatur, wenn
schon nicht das Leben verbessern, so doch wenigstens
das Schlimmste verhindern könnte. Sie trägt das aufklärerische
Erbe der Achtundsechziger in die Klassen
und stellt sich engagiert den schwierigen Konflikten.
In ihrem Unterricht - und damit im Film - bekommen
auch einige der Schüler individuelle Kontur, der unglückliche
Ugur, die entschiedene Fatima, die schreibbegabte
Soraya. Inge Sewig ermuntert die Schüler
zum Schreiben, damit zur Selbstreflexion.
Deshalb unterrichtet sie nicht nur Deutsch und Französisch,
sondern auch DS, darstellendes Spiel. Ein
Stück will sie mit ihren Schülern aufführen, nach
Motiven aus Thornton Wilders „Kleine Stadt“. Thema:
die Fremdheit untereinander. Die Schüler erarbeiten
selbst die Konzeption. Olivia will Texte und Lieder
dazu schreiben. Aber kurz vor der Aufführung, und
weil sie das Abitur schon in der Tasche haben, verwei-
gern sich Olivia und ihre Freundin Linda, beide schon
als etwas großmäulig aufgefallen, und lassen die
Aufführung platzen. Inge Sewig murmelt etwas von
„Charakterschwäche“, aber es ist nichts mehr zu retten.
Der Frust der anderen Schüler ist groß, ein Jahr
Arbeit vergebens. In diesen Schlusspassagen gewinnt
der Film noch einmal an Fahrt und emotionaler Fallhöhe,
aus dem Schuldrama wird das Drama einer
Schule. Fritz Wolf
Quelle: epd medien, 72/07
Zur Website von epd medien: http://www.epd.de/medien/medien_index.html)